Matanzas, 2 Stunden von Santiago entfernt

Universidad Autónoma de Chile

Wintersemester 2025/25
Matanzas, 2 Stunden von Santiago entfernt
Foto: Friederike, Uni Jena

Friederike, Humanmedizin

Anfang des Jahres bewarb ich mich auf Plätze für ein Auslandssemester. Möglich war es für mich sich an der „Universidad Autónoma“ in Santiago de Chile zu bewerben, alle anderen Partnerhochschulen akzeptierten zu dem Zeitpunkt keine Medizinstudierenden.  Im Vorfeld wurde ich darauf hingewiesen, dass ich allerdings nur theoretische Kurse besuchen könne.

Glücklicherweise konnte wurde ich für das Austauschprogramm angenommen. Im Juli, wenige Tage nach den letzten Prüfungen in Jena, flog ich mit einer anderen Studentin aus Jena nach Santiago de Chile. Wir hatten uns im Vorfeld vernetzt und studierten, wenn auch in unterschiedlichen Fakultäten, beide an der Autónoma. Durch die unterschiedlichen Semesterzeiten hatte ich kaum Ferien im deutschen Sommer, dafür dann aber sehr lange frei nach dem Auslandssemester im chilenischen Sommer.

Die Universidad Autónoma ist eine private Universität im Zentrum Santiagos. In Chile ist das Studieren im privaten Bildungssektor sehr üblich, die öffentlichen Unis haben schlichtweg nicht genügend Kapazitäten. Deswegen ist die Studierendenschaft trotzdem eine heterogenere Gruppe als ich es erwartet hätte. Die Studierenden zahlen normalerweise ca. 10.000€ pro Jahr, viele haben aber einen Studienkredit oder Stipendien. Bekannt ist die Autónoma im Bereich Medizin für den hohen Praxisanteil. Die Studierenden verbringen ab dem zweiten Studienjahr fast jeden Vormittag in unterschiedlichen Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens. Ansonsten ist es eine eher kleinere Uni in Santiago. Auf dem Campus in Providencia finden die Vorlesungen und Skillslab-Kurse statt. Dafür gibt es ein großes Simulationszentrum mit Phantomen und Räumen für Schauspielpatient*innengespräche. Die Uni ist ein großes mehrstöckiges Gebäude mit wenig Grünfläche, einer wenig einladenden Bibliothek und einer Mensa, die aber auf wenige Menschen ausgelegt ist und von meinen Kommiliton*innen kaum genutzt wurde. Außerhalb der Pflichtveranstaltungen habe ich mich nicht auf dem Campus aufgehalten.

Sopaipillas pasadas, chilenische fittierte Kürbisfladen in Gewürzsoße

Foto: Friederike, Uni Jena

Ich wohnte im Viertel Providencia und konnte immer in einer halben Stunde mit Leihfahrrädern zur Uni fahren. Meine Wohnung war etwas außergewöhnlich für austauschstudierende, denn ich wohnte mit 3 älteren Menschen zusammen, mit denen ich mich über die Zeit anfreundete und welche mir noch einen anderen Spannenden Blick auf Chile boten. Mein Zimmer fand ich über ContactChile( ContactChile | Reiseberatung, Unterkünfte, Visum und mehr in ChileExterner Link ). Viele Austauschstudis waren aber anfangs im Hostel und fanden dann über Facebook Marketplace (am üblichsten in Chile) oder Compartodepto (Piezas y Departamentos en Arriendo, Deptos a Compartir | CompartoDeptoExterner Link) schnell ein Zimmer. Ich habe ca. 300.000 Pesos im Monat gezahlt, das sind ungefähr 300€.

Santiago ist eine riesige Stadt und ein starker Kontrast zum grünen Jena. Es gibt viel Kulturprogramm aber gut vorher zu wissen ist auch, dass es eine starke Luftverschmutzung gibt. Oft hängt eine Smogglocke über der Stadt und ich habe mich häufig durch die schlechte Luft erkältet gefühlt.

In dem Viertel Providencia ist die Radinfrastruktur sehr gut ausgebaut. Ich bewegte mich mit Leihrädern von Itaú (Bikesharing) und dem gut ausgebauten Metro- und Micro- (Busse) Netz in der Stadt. Santiago hat aber in anderen Viertel auch sehr unterschiedliche Seiten, von extremem Reichtum in Norden bis zu viel Armut in den südlicheren und westlicheren Vierteln. Nachts fuhren wir meistens mit dem Uber, wenn die Metro nicht mehr fuhr.

In meiner Freizeit konnte ich oft ins Schwimmbad gehen und beteiligte mich an einer „Cooperativa“, in der gemeinschaftlich z.B. Essen gekocht und Brot gebacken wird und von Mitgliedern der Kooperative für wenig Geld gekauft wird. Die Lebenshaltungskosten in Chile sind aber ungefähr vergleichbar wie in Deutschland, obwohl die Menschen hier ein viel geringeres Einkommen haben.

 An den Wochenenden konnte ich einige Berge in der Umgebung von Santiago besteigen und auch mehrmals mit dem Nachtbus in den Süden von Chile oder ans Meer reisen. Santiago liegt mitten in den Anden und Cerros (Berge) von über 3000m sind mit der Metro erreichbar (aber natürlich sehr anstrengend zu besteigen). Empfehlenswert ist es die Berge im Frühling oder Herbst zu machen (wegen Hitze/Schnee), auf einigen gibt es auch Refugios zum Übernachten

Cerro (Berg) Provincia mit Refugio, kann von Santiago aus bestiegen werden

Foto: Friederike, Uni Jena

Ich belegte drei von vier Fächern des vierten Studienjahrs. In meinem Fall waren das Pädiatrie, Familienmedizin und Onkologie. Das mit Abstand aufwendigste Fach war Pädiatrie. Die Information im Vorfeld, mit dem ausschließlich theoretischen Unterricht, stellte sich vor Ort als hinfällig dar. Mindestens dreimal wöchentlich verbrachten wir die Vormittage von 8-12.30 Uhr in verschiedenen Gesundheitseinrichtungen. Wir waren in Gruppen von fünf bis sechs Menschen eingeteilt, diese habe ich im Laufe des Semesters sehr gut kennenlernte. Unsere erste Rotation in der Kinderheilkunde fand im CESFAM in Lo Espejo, einer der ärmsten Viertel Santiagos, statt. CESFAMs sind in Chile die erste Anlaufstelle im Gesundheitwesen, ähnlich wie Hausärzt*innen oder Kinderärzt*innen in Deutschland. In den Zentren arbeiten verschiedene Berufsgruppen, wie Ärzt*innen, Krankenpflege, Psycholog*innen oder Physiotherapeut*innen. Wir empfingen im dreißig Minuten Takt Kinder mit ihren Eltern und mussten selbst die Untersuchung, Anamnese und Dokumentation machen. Bei allen Teilen tat ich mir sehr schwer, da ich noch viele Probleme mit dem Spanischen hatte. Unsere weiteren Rotationen waren einem CONIN in Providencia, das ist ein Kinderheim für schwerkranke und behinderte Kinder, einem SAP in San Joaquin, das ist eine Ambulanz für Akutsprechstunden und Notfälle und in dem Krankenhaus in Buin-Paine. Somit konnte ich in jeweils 3 Wochen unterschiedliche Viertel Santiagos und die Lebenswelten der Menschen dort besser kennenlernen. Mein Spanisch verbesserte sich auch stark im Vergleich zu meiner Ankunft. In zwei der Rotationen mussten wir auch fast täglich Fälle vorstellen und Referate zu den von uns gesehenen Krankheiten halten. Zusätzlich hatten wir zweimal wöchentlich nachmittags Vorlesungen und einmal einen Skillslab-Kurs. Alle Veranstaltungen haben mindestens 60% Anwesenheitspflicht und die Praktika sogar 100%. Zu meinem recht freien Studium in Deutschland war das ein starker Kontrast. Wir schrieben in allen Fächern drei Klausuren und in Pädiatrie hatten wir zusätzlich eine praktische Prüfung in Form des international verbreiteten OSCE sowie eine mündliche Prüfung.

Im Praktikum waren nicht nur menschliche Patient*innen unterweg

Foto: Friederike, Uni Jena

In Familienmedizin (Salud familiar y comunitaria) entwickelten wir eine Familienstudie. Die ersten sechs Semesterwochen besuchten wir wöchentlich eine Familie mit komplexen Gesundheitsproblemen und einer prekären sozialen Situation. Wir planten Interventionen, vereinbarten Termine im CESFAM und versuchten sie in ihren Bedürfnissen zu unterstützen. Sehr spannend war es auch die Menschen zuhause zu besuchen. Im Vorfeld machte ich mir Gedanken, ob wir nicht übergriffig wären, in ihre Privatsphäre einzudringen. Die Familien spiegelte uns aber Dankbarkeit für unseren Einsatz. Die Studie stellten wir als Gruppe zum Semesterende im Kolloquium vor.

Insgesamt hatte ich in dem Semester eine recht hohe Arbeitsbelastung, vor allem weil ich oft morgens lange Wege auf mich nehmen musste um zu den Praktika zu kommen und teils bis halb sieben Abends Vorlesungen hatte. Dadurch konnte ich mein Spanisch aber extrem verbessern und alle Prüfungsleistungen mit den Chilen*innen zusammen ablegen.

Besonders gut gefielt mir in dem Semester der Einblick ins chilenische Bildung- und Gesundheitswesen. Durch den hohen Praxisanteil konnte ich viele Fähigkeiten dazugewinnen und mein Spanisch stark verbessern. Ich bin sehr dankbar diese Erfahrungen gemacht zu haben! Vielen Dank an das internationale Büro in Jena für das Ermöglichen meines Aufenthalts in Chile! Nach dem Semesterende Anfang Dezember habe ich nun noch Zeit weitere Ecken Chiles und Südamerikas zu entdecken bis das Studium im Frühjahr in Jena weitergeht.